Enzersdorfer Dramaturgie - 4. Stück, 10. 5. MAI 2014

von Gerald Szyszkowitz

ENZERSDORFER DRAMATURGIE vom 10. Mai 2014
 
4. Stück: WARUM TURRINIS ARBEITERSAGA SCHLIESSLICH DOCH NOCH GESENDET WURDE
 
Der Anlass

In einer Fernsehanstalt wird ein Film über eine Müllverwertungsanlage produziert, den einige Herrn der Gemeinde Wien nicht auf Sendung haben wollen. Da dieser Film trotz vieler Warnungen hinter vorgehaltener Hand schließlich aber doch gesendet wird, bekommt der, der die Verantwortung dafür übernommen hat, Schwierigkeiten.

Das österreichisch Grundsätzliche

Peter Michael Lingens schreibt in seinem Aufsatz ´Skandale und politische Persönlichkeiten´, dass es nach 1945 in Österreich keine Tradition gegeben hat, an die ein investigativer Journalismus anknüpfen hätte können. Es gab nur einige Einzeltäter. Franz Kreuzer recherchierte einsam in der ´Arbeiterzeitung´ die Verschleppung von Österreichern  durch die Sowjetische Besatzungsmacht, Reinald Hübl im ´Kurier´ die windigen Geschäfte des Dorotheums, Hans Zerbs in der ´Wochenpresse´ das Imperium des ÖGB-Präsidenten Franz Olah, Gerhard Weis den Megaskandal rund um den niederösterreichischen Landeshauptmann Viktor Müllner, und alle haben diese Einzelaktionen in ihren Zeitungen auch eine Zeitlang überlebt, aber Heinz Brantl, der Einzige, der genau an der Nahtstelle von Politik und Wirtschaft im ORF recherchiert, hat seine Sendung ´Horizonte´ sehr schnell verloren.
Dass diese Haltung der Aufklärung für die Aufklärer immer gefährlicher wurde, zeigte sich bald auch beim AKH-Skandal. Die Firma Siemens hat der Zeitschrift ´profil´ eine hunderte Millionen Schilling schwere Klage angedroht. Und als der wortgewaltige Kanzler Kreisky sagte: „Der Herr Wiesenthal hat zur Gestapo, behaupte ich, eine andere Beziehung gehabt als ich. Kann ich mehr sagen?“ und Peter Michael Lingens das im ´profil´ entsetzt „ungeheuerlich“ genannt hat, ging unser scharfzüngiger Kanzler doch tatsächlich direkt zum Chef der Industriellenvereinigung und forderte die sofortige Entlassung des Chefredakteurs Lingens.
Daran sieht man, dass noch gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts viele Politiker und Generaldirektoren in Österreich, wenn ihnen kritische Journalisten öffentlich gegenübertraten, das unabweisbare Gefühl hatten, denen muss man schnell eins über die Rübe geben. Wozu sonst ist man mächtig.
Alexandra Föderl-Schmid schreibt in der Broschüre ´Medienmacht und Politik´: „In Österreich führt die Nähe der Journalisten zur Macht dazu, dass Politiker und Wirtschaftstreibende meinen, sich wünschen zu können, von wem sie interviewt werden. Oder von wem nicht. Oder wer zu einer Pressekonferenz geschickt wird und wer keines-falls. Informationen sollen nur die erhalten, die man kennt. Jeder Journalist wird eingeordnet und in eine Schublade gesteckt. Beim ORF wird erwartet, dass man sich parteipolitisch deklariert. Also einem sogenannten Kastl zugeordnet wird bzw. sich selbst eines zuweist. Der Stiftungsrat des ORF ist von sogenannten Freundeskreisen dominiert – dass sich dahinter die Parteien verbergen und ihre Handlanger in dieses Gremium schicken, ist bekannt. Von einer Entpolitisierung ist der ORF weit entfernt.“

Die Tragödie um die ´Arbeitersaga´

Der Autor wollte zeigen, wie Menschen in derartigen Medienbetrieben sich verhalten, also bestimmte Menschen in bestimmten Umständen, und da er nicht außerhalb der Zeit und des Raumes lebt, so zeigt er uns österreichische Menschen in österreichischen Umständen. Er zeigt uns das Milieu, das er kennt.

Die Darsteller und ihre Figuren

Johannes Kaiser als Fernsehintendant
Der ´Herr Fernsehintendant´ ist theoretisch von niemandem abhängig, praktisch aber von Politikern bestellt worden,  und also ist er ihnen auch in einem gewissen Maß verpflichtet. Sie wollen nicht oft etwas von ihm, aber wenn sie etwas wollen, ist er geneigt, ihnen zuzuhören. Politiker wollen die Wiederwahl durch die Wähler, und Fernsehintendanten wollen die Wiederwahl durch die Politiker. Somit ist es naheliegend, dass Fernsehintendanten meist umgängliche Typen sind. Sonst wären sie es nicht geworden. Wenn dann auch noch, wie in diesem Fall, eine gewisse Altersweisheit dazukommt, hat man es meist mit einem intelligenten, gebildeten und diplomatischen älteren Herrn zu tun.
Eine Rolle wie für Johannes Kaiser geschrieben. Er hat schon im Volkstheater und im Raimundtheater gespielt, war achtundzwanzig Jahre festes Ensemblemitglied im Theater der Jugend, ist seit einigen Jahren häufig im Fernsehen zu sehen, unter anderem in der Serie ´Rosa und Rosalind´, im ´Ringstraßenpalais´ und in einigen ´Tatorten´, seit neuestem aber spielt er auch häufig in der ´Freien Bühne Wieden´... Und bei den SOMMER SPIELEN SCHLOSS HUNYADI wird er im Juli 2014 als der weise ´alte Weyring´ in der ´Liebelei´ von Arthur Schnitzler zu sehen sein.

Manfred Stadlmann als Assistent
Ein Assistent assistiert. In unserem Fall assistiert er dem Fernsehintendanten. Er ist also in seiner beruflichen Existenz abhängig davon, ob seine Bezugsperson in ihrem Job von den Politikern verlängert wird. Da immer die Gefahr besteht, dass die Politiker neue Direktoren wollen, muss jeder Assistent sich frühzeitig darum kümmern, was aus ihm selber wird, wenn sein Chef nicht wieder bestellt werden sollte. Deswegen vor allem muss er die Ohren überall offen halten, gerade auch dort, wo etwas geflüstert wird, was nicht für ihn bestimmt ist, und er muss sich alles ganz genau anschauen, auch wenn manches extra gerade vor ihm in irgendeiner Mappe versteckt wird. Er ist also schon stellungsbedingt der verkörperte Geheimdienst der Anstalt.
Manfred Stadlmann ist dafür die beste Besetzung. Auch er hat seine Nase immer im Wind. Einen Großteil des Jahres tigert er mit seiner Kamera und seiner Traude durch Ostasien. Alle Jahre wieder ist Thailand sein Ziel, woher er die schönsten Fotos mitbringt. Aber kaum ist er dann wieder in Wien, steht er gleich wieder auf der Bühne. Zuletzt mit einem eigenen ´Jura-Soyfer-Abend´ in der ´Freien Bühne Wieden´. Hier in Wien, in der Schauspielschule Pygmalion, hat er auch seine Ausbildung bekommen, hat dann im Ateliertheater, im Theater Brett, im Theater Künstlerhaus, im Theater des Augenblicks und im Kabelwerk gespielt, im Fernsehen im ´Schlosshotel Orth´ und im ´Kommissar Rex´, er ist aber nicht nur Schauspieler und Fotograf, er ist mit seiner Bassgitarre auch ein professioneller Musiker.

Michael Bukowsky als Generalsekretär
Dieser Herr Generalsekretär war, bevor er in die Anstalt gekommen ist, Sekretär eines allmächtigen roten Ministers, weswegen er in der Anstalt auch schneller eine steilere Karriere gemacht hat als alle anderen. Ohne selbstverständlich die Verbindung ´nach draußen´ zu verlieren. Allein schon deswegen werden alle wichtigen Entscheidungen der Geschäftsführung immer zuerst mit ihm besprochen. Um sicher gehen zu können, dass die Entscheidungen politisch auch halten. Auch ein Blinder könnte sehen, dass dieser Generalsekretär der allergeschmeidigste Generalsekretär ist, der je im Haus gesehen worden ist, und damit hat er alle Voraussetzungen auch für eine internationale Karriere.
Michael Bukowsky hat wiederum alle Voraussetzungen, diesen Anstaltskronprinzen mit allen seelischen Feinheiten zu spielen. Bukowsky war ja selbst einige Jahrzehnte lang in einer führenden Position in dieser Anstalt. Als Besetzungschef und als langjähriges Mitglied des ´Tatort´-Schauspielerteams kennt er erwiesenermaßen alle Tricks, wie man jemanden auf eine Besetzungsliste bringt, und er kennt selbstverständlich auch alle Tricks, wie man jemanden von der Besetzungsliste wieder wegbringt. Wenn es sein muss.

Felix Kurmayer als kaufmännischer Direktor
Der kaufmännische Direktor ist Jurist. Ein eleganter, selbstbewusster Mann. Klar denkend, klar entscheidend, ein verlässlicher Partner für jeden. Auch er war übrigens vor seinem Auftritt in der Anstalt Sekretär eines Ministers. Allerdings war das, gemäß dem Herkommen des Juristen, ein bürgerlicher Minister.
Felix Kurmayer ist für diesen Gentleman die ideale Besetzung. Auch Felix ist ein eleganter, selbstbewusster Mann, klar denkend, klar entscheidend, und auch er ist - nicht nur als Schauspieler - ein absolut verlässlicher Partner. Er kommt nie zu spät zur Probe, er kommt immer mit gelerntem Text, er behandelt alle Kollegen, besonders die Kolleginnen, mit ausgesuchter Höflichkeit … Bei den SOMMER SPIELEN SCHLOSS HUNYADI wird er im Juli 2014 im Stück ´Ungehorsam? Um Gottes Willen!“ einen ´Herrn aus Rom´spielen.

Martin Gesslbauer als Fernsehspielchef
Das Ungewöhnliche an diesem Fernsehspielchef ist, dass er unter all den Rundfunkbeamten und Bedenkenträgern in dieser Anstalt ein selbständiger Autor ist. Der neben seiner Arbeit in der Fernsehspielabteilung außerhalb der Anstalt Stücke und Romane veröffentlicht. Einer, der also nicht nur überall Geschichten sieht, sondern der sie am liebsten alle auch selber aufschreiben und inszenieren möchte, aber da das nicht geht - denn in seinen 25 Amtsjahren hat er über tausend Filme produziert -, beauftragt er die Kollegen Turrini, Scharang, Troller, Wolfgruber und andere, und die Regisseure Berner, Corti, Lehner und Haneke, diese Geschichten, die in der Luft liegen, zu erzählen, und durch die große Vielfalt dieser Riege von österreichischen Autoren und Regisseuren entsteht Jahr für Jahr ein immer unverwechselbareres Bild der Republik im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert.
Und Martin Gesslbauer? Der ist nicht nur ein professioneller Schauspieler, Regisseur, Maler und Bühnenbildner, wenn er  demnächst auch komponiert, wird mich das nicht wundern, denn Martin ist durch und durch Künstler. Einer, den nicht nur die Inhalte interessieren, sondern auch die Farben, die Form und der Rhythmus auf der Bühne. Martin ist genau richtig für die Rolle … Bei den SOMMER SPIELEN SCHLOSS HUNYADI wird er im Juli 2014 in dem Stück „Ungehorsam? Um Gottes Willen!“ einen sehr phantasievollen Bischof spielen.

Christina Jägersberger als Redakteurin
Diese junge Redakteurin ist eine kompetente Person. Eine begeisterungsfähige Mitarbeiterin, die  auch selber ihre Drehbücher schreiben und inszenieren könnte, die sich aber bewusst auf ihre Aufgabe in diesem Haus beschränkt, auf ihre dramaturgische Arbeit. Sie liebt beide Seiten der Redakteursarbeit, die Filme, die in dieser Hauptabteilung fertiggestellt werden, aber auch die, die sie erfinden. Sie ist eine glückliche und optimistische Mitarbeiterin. Ihre tägliche gute Laune wird nur getrübt durch die Herrn Hinsichtl und Rücksichtl, von denen es, ihrer Meinung nach, viel zu viele gibt in dieser Anstalt. Diese Herrn verachtet sie gründlich.
Christina Jägersberger ist persönlich ein ähnlicher Typ. Sie ist eine kompetente, begeisterungsfähige Schauspielerin, die allerdings auch schon daran denkt, sich ihre Rollen selber zu schreiben. Aber solange sie die Stücke von anderen Autoren spielt, ist sie erst einmal damit genau so glücklich, optimistisch und erfindungsfreudig als wären alle anderern Stücke ein Stück von ihr. Ihre gute Laune bei der Arbeit ist ansteckend … Bei den SOMMER SPIELEN SCHLOSS HUNYADI wird sie im Juli 2014 in der ´Liebelei´von Arthur Schnitzler die Schlager Mizzi spielen.

Alexander Buczolich als Betriebsrat
Dieser Betriebsrat ist gut vernetzt. Vor allem mit der ´Abendzeitung´. Aber auch im Haus. Naturgemäß mit denen, die bei den Betriebsratswahlen immer rot wählen, aber auch mit denen, die immer schwarz wählen, ein wenig sogar mit denen, die ungültig wählen, besonders aber mit denen, die gar nicht wählen. Was ihm allerdings nicht schwer fällt, denn er gibt ja in all seinen stundenlangen Beratungsgesprächen allen immer in allem recht. Vor allem seiner Frau. Die in der ´Abendzeitung´ arbeitet. Und immer gerne von ihm alles wissen will. Er war ja zum Beispiel bei der letzten, knappen Wahl der Geschäftsführung eine der Stimmen für diese Geschäftsführung. Davon lebt er seitdem. Jeder denkt, der Mann hat Einfluss. Auch sie.
Alexander Buczolich hat seine Ausbildung im Schubert-Konservatorium bekommen, hat jahrelang in Hannover, in Baden, im Raimundtheater und im Burgtheater gespielt - auch unter Steven Spielberg in ´Schindlers Liste´ -, hat dabei aber seine burgenländische Heimat nie vergessen. In unserem Stück glaubt man ihm erst einmal, dass er hier an der Basis früher tatsächlich ein einfacher Kabelträger gewesen ist. Alle Intellektuellen nehmen ihm deswegen auch heute noch kommentarlos ab, dass er mit beiden Händen immer noch kräftig zugreifen kann, und dass er auch in schwierigen Situationen - das sind für einen Gewerkschaftler hauptsächlich die jährlichen Gehaltsverhandlungen mit der Geschäftsführung - nicht mit beiden Beinen in den Wolken hängen bleibt … Bei den SOMMER SPIELEN SCHLOSS HUNYADI im Juli 2014 wird er in der ´Liebelei´ von Arthur Schnitzler den handfesten Theodor Kaiser spielen.

Wilhelm Seledec als Autor
Der Autor, den die besorgten Herrn der Gemeinde in die Anstalt geschickt haben, damit er den von ihnen so gar nicht geliebten Autor der ´Arbeitersaga´ ersetzen soll, hat es schwer. Er wirkt zwar durch seine Körpergröße und seine Ausstrahlung, man sieht schon wenn er in den Raum kommt, dass er eine Persönlichkeit ist, aber trotzdem will hier keiner mit ihm reden. So als ob eine langjährige Mitgliedschaft in der Regierungspartei plötzlich nichts mehr bedeuten soll in diesem Haus. Er hat doch Jahr für Jahr löbliche Kurzfilme für diesen, wie er sagt, Regierungsfunk geschrieben, und liefert Tag für Tag lobende Artikel über die Stadtentwicklung in den diversen Gratisblättern ab, das alles scheint hier aber nichts mehr zu zählen. Das empört ihn.
Wilhelm Seledec ist nicht  nur Schauspieler, er ist privat auch Autor. Er ist seit vielen Jahren ein bekannter Kulturjornalist in Wien. Er kennt das Gelände. Auch die Rundfunkanstalt. Und besonders das Rathaus. Aber da er eben dazu auch noch einer unserer erfahrendsten Schauspieler ist, scheint er uns die ideale Besetzung für diese Rolle zu sein.

Stephanie Fürstenberg als Journalistin
Diese vife Journalistin der Münchner ´Abendzeitung´ ist schon so lange in Wien, dass man sie für eine Wienerin halten könnte. Sie betont das auch ständig. Indem sie in ihren Artikeln stets das Besondere am Wienerischen betont und jede Veränderung im Wiener Kulturleben vielzeilig bedauert. Sie ist zwar pauschal gegen alles, was nach ´Veränderung riecht´, allerdings nur deswegen, weil sie überzeugt ist, dass das Leserpublikum ihrer Zeitung genau so wie sie selber auch gegen alles ist, was nach ´Veränderung riecht´. Und so lange ihr Blatt ein Millionenpublikum hat, das mit dieser Linie zufrieden ist, so lange wird sie diese Linie nicht ändern. Auch wenn sie genau weiß, dass dieser Film über das ´Rinterzeit´ einer der wichtigsten Filme ist, den diese Anstalt je in Auftrag gegeben und gesendet hat.
Stephanie Fürstenberg bekam eine erste Schauspielausbildung bei einem Lehrer der Falckenberg-Schule in München, machte ihre Schauspielprüfung am Volkstheater in Wien, beschäftigte sich aber auch mit Method Acting in New York und mit einem speziellen Gesang- und Balletausbildung, kurz, sie kann dieser Journalistin der ´Münchner Abendzeitung´ einiges mitgeben, nicht nur ihr originales Münchnerisch.